Ja und nein.
Natürlich kann ich nicht kontrollieren, was 300, 400 oder 2.000 Mitarbeitende anonym auf eine Frage antworten. Aber ich kann sehr wohl steuern, wie ich damit umgehe.
Als Vorstand. Als Führungskraft. Und als Moderatorin.
Indem ich gute Fragen stelle.
Indem ich mit den Offensichtlichkeiten arbeite, die kommen, egal ob sie mir passen.
Und indem ich Antworten nicht ignoriere, nur weil sie unbequem sind.
Genau darin liegt für mich der große Vorteil von Mentimeter & Co.: Ich bekomme innerhalb weniger Sekunden eine Rückmeldung aus dem ganzen Raum.
Und ja: Damit gebe ich Kontrolle ab. Frage ich zum Beispiel:
„Was gibt Dir aktuell Sicherheit?“ kommen Antworten wie:
Familie.
Mein Job.
Die Kohle.
Der Autogurt.
FC St. Pauli.
Kondome.
Großartig!
Denn genau diese Mischung aus ernsthaften Antworten und humorvollen Überraschungen bringt Leichtigkeit und Leben in einen Raum. Natürlich gibt es auch die andere Seite.
Manche Mitarbeitende – und durchaus auch Führungskräfte – nutzen die Anonymität, um Kritik abfällig zu formulieren, die sie sich mit offenem Visier nicht trauen würden.
Das passiert.
Selten. Und meistens sind es im Verhältnis zur Gesamtgruppe nur sehr wenige. Das tut mir als Moderatorin dann eher leid als weh.
Wenn solche Beiträge aber so dominant werden, dass sie die Stimmung im Raum überschatten, müssen sie angesprochen werden. Das Offensichtliche muss dann auf die Bühne. In dem Moment muss ich als Moderatorin schnelle Entscheidungen treffen. Und dann weiß ich auch vorher nicht, wie das Spiel läuft.
Denn häufig steckt etwas darunter. Und genau dann darf ich als Moderatorin nicht wegschauen. Ich bin in solchen Momenten die Schiedsrichterin und der Schutz für die Menschen im Unternehmen, die sich auf die Bühne stellen und Verantwortung übernehmen.
Auf anonyme Abfragen aus Angst vor Kontrollverlust zu verzichten, wäre für mich deshalb die falsche Konsequenz. Denn damit verzichte ich gleichzeitig auf Dialog, Beteiligung, Überraschung und Leichtigkeit.
Und für die heiklen Momente?
Dafür darfst Du Dir als Vorstand oder Führungskraft eine professionelle Moderatorin holen.
So wie Du zu einem Bundesligaspiel eine Schiedsrichterin brauchst.
Sie kennt die Regeln.
Sie hat die Kondition für die Großgruppe.
Und sie schaut mit Dir in dieselbe Richtung – ohne Dir alles nachzuplappern.
Und manchmal gehört dazu auch, Dir zu widersprechen und das Offensichtliche in den Raum zu holen. Du teilst als Führungskraft Kontrolle. Im Anschluß wird natürlich auch intensiv ausgewertet wie das Spiel gelaufen ist.
Gute Großgruppenmoderation bleibt eine Herausforderung und bedeutet nicht, alles unter Kontrolle zu haben. Sondern zu wissen, was zu tun ist, wenn man sie abgibt.
